Stadt und Sterne
Alle vier Jahre findet der Weltkongress der FIG, der ‚Internationalen Vereinigung der Vermessungs-
ingenieure’ statt. Nach Washington, DC (USA) wurde ein weiterer Kongress während der Zeit vom 08.10.06 bis 13.10.06 in Verbindung mit der „InterGeo“ auf dem Messegelände in München (D) abgehalten.
1878 wurde die FIG ‚Fédération Internationale des Géomètres’ in Paris gegründet und stellt das einzige internationale Organ dar, das alle Disziplinen des Vermessungswesens repräsentiert. Die praktischen Aufgaben der Vermesser reichen von Management und Nutzung unbebauter und bebauter Land- und Seeflächen im Bezug zu Bedürfnissen der Gesellschaft und Umwelt bis hin zur Raumplanung und Raumentwicklung.
Idee und Konzeption für das künstlerische Ausstellungsprojekt mit dem Arbeitstitel 'Stadt und Sterne', das in den Räumen des Landesamtes für Vermessung und Geoinformation in München stattfand, wurden von dem Künstler Michael Lukas, der sich seit 1989 mit dem Thema „Kartographie und Kunst“ befasst, erarbeitet.
‚Stadt und Sterne’ verweist auf die kosmologische Verbindung, Orte der Stadtgründung, sowie die Reise-
wege zwischen den urbanen Siedlungen nach der Beobachtung der Sterne auszurichten. Die physische wie mentale Durchquerung von Territorien, stellt den Ausgangspunkt dieser gemeinsamen künstlerischen Untersuchung dar. Im Verlauf der Ausstellung treffen bildnerische wie literarische Positionen aufeinander und werden zu einem konzeptuellen und interdisziplinären Forschungsprojekt zusammengeführt. Im Dialog der Kulturen soll die Vorstellung historischer, autobiographischer und mentaler Karten diskutiert werden.
Die Karte transformiert von einem repräsentativen Objekt in eine polyperspektivische Darstellung von Welt.
Das Konzept
Parallel zu unserer alltäglichen Wahrnehmungsperspektive von Land- und Stadtschaft, formt Jongku Kim (Bild 2) mit feinen Eisenspänen, die bei der Zerkleinerung von traditionellen Metallskulpturen anfallen eine mobile Landschaft. Eine webcam überträgt aus der Perspektive der Bodenebene ein horizontales Landschaftsbild, das durch Projektion als Panorama auf der Wandfläche dargestellt wird. In der Draufsicht formiert sich die Landschaft zur Schrift und formuliert eine Frage über den Maßstab.
Yuan Shun (Bild 3) untersucht in seinen Landschaftsmodellen „mind-scapes“ unter Verwendung der vier Elemente den Einfluss menschlichen Handelns auf die Ökologie und deren Abhängigkeit im globalen System. Mittels Photographie und Video schafft er eine virtuelle Realität unserer Umwelt.
Als Ableitung aus dieser herkömmlichen und uns vertrauten zentralperspektivischen Anschauung, ist die Horizontlinie, die sich Punkt für Punkt an der Schnittstelle zwischen Himmel und Erde bildet der Ausgangspunkt unserer phänomenologischen Betrachtung von Welt.
In der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem vertikalen Blick hat Michael Lukas (Bild 1) auf topographische Formationen unseres Planeten Bezug genommen. Hierbei entstanden komplexe Weltvorstellungen, die in ihrer Verknüpfung von zahlreichen Auslöschungsmotiven überzogen werden.
Im Wechsel der Maßstäblichkeit kann der vertikale Blick einen Mikro- oder Makrokosmos beschreiben.
Im Gegensatz zu den weißen Flächen der „Terra incognita“ – bilden schwarze Flächen ein Feld der Auslöschung und markieren eine potentielle Bildebene innerhalb des bearbeiteten Formats.
Die vertikale Verbindung zwischen und Himmel und Erde ist der Turm / Wolkenkratzer als architektonisches Bauwerk - er formuliert die permanente Veränderung im „Dazwischen“. Berg, Turm, Taube, Ballon, Flugzeug, Rakete und Satellit verweisen in ihrer Ablösungstendenz auf die stringente Entwicklung des Wunsches mehr zu erfassen, als der begrenzte, an die Erde gebundene Standpunkt bisher ermöglichte.
Die Diktatur der Zentralperspektive weicht einer polyperspektiven und simultanen Anschauung der Welt.
Während der Kartograph empirisch und analytisch arbeitet, folgt der Künstler subjektiven und kunstimmanenten Kriterien der visuellen Ordnung, für ihn wird die Karte zum Werkzeug für Raum und Gedanke. Vergleichbar mit wechselseitigen Ortungssystemen (horizontal / vertikal) tritt der Besucher in den Arbeiten von Dieter Kunz in Kommunikation mit den Raumgrenzen. Physikalischen Feldern ähnlich, steht er in Wechselbeziehung mit den Informationen, die ihm durch die Raumgrenzen gegeben sind - hier stehen Ort und Information im Zentrum der künstlerischen Untersuchung.
Jupiter, Titan, Poseidon und Atlas sind nicht nur Namen aus der Mythologie und der Sternenkunde, sondern auch Markenzeichen im Katalog der Waffenhändler. Diese reale „Beobachtung“ wirft uns auf unser Verhältnis zu uns selbst zurück und führt zur Verschmelzung inhaltlicher, historischer und topographischer Zusammenhänge, beispielhaft in den Schlachtenbildern von Asmus Petersen und in der Arbeit von Satomi Matoba, die eine Fusion topographischer Stadtgefüge von Pearl Harbour und Hiroshima konzipiert.
Sylvie Bussières „Geo-Shoes“ vereinen zwei Elemente von größter Symbolik für die Fortbewegung und das Reisen: Landkarte und Schuhe. Landkarten werden zur Haut von Schuhen. Landkarten umhüllen die Schuhe, wie Schuhe die Füße umhüllen. Hinter dem Anschein eines ironischen kartographischen patchworks verbirgt sich bei ihr ein Recycling von Ideen und Werten, welche die Geschichte der Ästhetik und der Moderne durchziehen: Objet trouvé, Readymade und Collage.
Die physische, wie mentale Durchquerung von Landschaften und Stadträumen schreibt sich in zahlreichen kartographischen Aufzeichnungen und Reiseberichten nieder. In der Beschreibung der vektordefinierten Ebene liegt das Arbeitsfeld der „Geopoetik“. Hierzu wurden die Autoren Prof. Karl Schlögel, Wieland Grommes, Gerd Holzheimer und Kenneth White eingeladen. White der bereits 1978 den Begriff der „Geopoetik“ in sein philosophisches Denken eingeführt hat, beschreibt als zentrales Thema das Verhältnis von Natur und Mensch, sowie die Wahrnehmung unseres planetaren Universums.
Die Ausstellung wurde gefördert vom Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. an der Helmholtz-Gemeinschaft
und dem Landesamt für Vermessung und Geoinformation, München
![]()
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog
„Stadt und Sterne“ (2006)
Herausgeber: Prof. Günter Nagel, Präsident LVG und Michael Lukas
Texte ua. von Prof.Karl Schlögel, Kenneth White, Wieland Grommes, Gerd Holzheimer
ISBN: 3-89933-281-4
Text dt./engl, 264 Seiten





